OccupyFDP: “Wir meinen das Ernst”

Der Preis für die wohl deprimierenste Partei 2011 wird wohl an die FDP gehen. Die Chaotentruppe hat mich irgendwie das gesamte Jahr über an den Auftritt der französischen Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika erinnert. Umso witziger, wenn sich “ganz normale Bürger” dem politischen Sorgenkind annehmen. Wirklich zimperlich geht die OccupyFDP-Bewegung allerdings nicht mit ihrem Opfer um und so lustig wie der Twitteraccount es vielleicht vermuten lässt, meinen es die Jungs und Mädels bei genauerem Hinsehen dann doch nicht.

Inspiriert von den weltweiten Occupy-Demos dieses Jahr, hat sich eine kleine Gemeinschaft engagierter Menschen das Ziel gesetzt, die FDP zu übernehmen. Wir haben mit dem Pressesprecher ohne Namen gesprochen und ihn mal gefragt, was das Ganze eigentlich soll.

Seit einigen Wochen schon sorgt die OccupyFDP-Bewegung im Netz für einigen Wirbel. Eure Idee: die feindliche Übernahme der FDP. Wie soll das ablaufen?

Die FDP hat derzeit 65.000 Mitglieder. Wir rufen dazu auf, in die FDP einzutreten. Unser Ziel ist es, so viele neue Mitglieder in die Partei zu bekommen, dass die FDP von Grund auf reformiert werden kann.

Eure wahre Identität dürft ihr leider nicht preisgeben, warum?

Unser Aufruf zur Übernahme der FDP ist völlig legal. Daher dürften wir unsere Identität durchaus preisgeben. Wenn wir es dennoch nicht tun, dann möchten wir der FDP damit unsere Identifikation erschweren. Wir wollen ja nicht, dass wir aus der Partei ausgeschlossen bzw. unsere Anträge auf den Eintritt in die Partei abgelehnt werden.

In einem Interview auf jetzt.de nennt ihr euch Philipp und Guido. Werden das jetzt eure offiziellen Namen für die Occupy-Öffentlichkeitsarbeit?

Ja, außer Dirk, Christian, Birgit oder die anderen aus dem Team geben die Antworten :-)

 

Am Telefon meintest du, ihr seid ein loses Netzwerk ganz normaler Menschen aus der bürgerlichen Mitte. Über euren wahren Hintergrund gibt es nicht viel zu lesen?

Über normale Menschen gibt es ja auch nicht viel zu schreiben. Überdies sind wir des Personenkults überdrüssig, der in Wirtschaft und Politik Einzug gehalten hat. Dieser Kult verstellt den Blick auf die Leistungen der Gesellschaft.

Wie viele Mitglieder zählt denn OccupyFDP bisher?

Wir bitten die Teilnehmer unseres Protests dazu, uns mitzuteilen, dass sie der FDP beigetreten sind. Um der FDP jetzt keine Anhaltspunkte zu geben, wie viele Menschen dieser Bitte bereits entsprochen haben, nennen wir hierzu keine Zahl. Was uns aber wirklich überrascht: Hierunter sind auch zahlreiche altgediente FDP-Mitglieder, die auf die Aktion aufmerksam wurden. Die müssen natürlich nicht mehr in die Partei eintreten. Diese Hürde haben sie ja schon genommen und jedes „Alt-Mitglied“ entspricht für unsere Aktion mathematisch zwei Neu-Mitgliedern.

Auf den ersten Blick macht euer Projekt einen sehr humoristischen Eindruck, eure Tweets könnten auch aus der Titanic-Redaktion kommen.

Vielen Dank, aber in aller Bescheidenheit, das satirische Element unseres Twitterstils ergibt sich in den meisten Fällen durch die schlichte Wiederholung von Aussagen aus dem Lager der FDP – oder deren Zuspitzung.

Auf der offiziellen Seite liest sich das Ganze wesentlich ernster:
“Wenn uns die feindliche Übernahme der FDP gelingt, wollen wir deren Programm reformieren und Personen, die einen sozial, ökologisch und ökonomisch verantwortungsvollen Kurs nicht unterstützen, aus allen Schlüsselpositionen entfernen. Entsprechendes gilt für den Einfluss der Industrie- und Wirtschaftslobby auf die Partei.” Mehr als drei Absätze gibt es allerdings noch nicht an Informationen zu Euren Zielen. Alles doch nur ein PR-Gag?

Nein. Wir meinen das Ernst. Unser Ziel ist es, die FDP zu verändern. Das ist aber kein PR-Gag – für wen auch – und auch nichts, was innerhalb von ein paar Tagen geschehen könnte. Wir rechnen mit einer Dauer von etwa sechs Monaten.
Wenn wir im Moment keine Inhalte vorlegen, dann tun wir das aus drei Gründen. Erstens sind wir der Auffassung, dass dieses Projekt in zwei Teile zerfällt: In der ersten Phase wollen wir die FDP mit zahlreichen neuen Anträgen auf Mitgliedschaft konfrontieren. Nur dann, wenn zahlreiche Menschen an der Aktion teilzunehmen und auch in die FDP aufgenommen werden, wird die FDP sich überhaupt ändern.

In welche Richtung sie sich verändert, das entscheiden dann die Mitglieder der FDP in ihrer jeweiligen Zusammensetzung. Das ist aus unserer Sicht die zweite Phase. Hierfür werden wir Vorschläge unterbreiten. Diese Vorschläge sind stringent an nachhaltiger Entwicklung orientiert, also an ökologisch, sozial und ökonomisch zukunftsfähigen Konzepten. Unser Ziel ist eine FDP, die dafür eintritt, dass die Wirtschaft dem Menschen und der Gesellschaft dient – und nicht umgekehrt, wie das gegenwärtig der Fall ist.

Daneben soll unsere Aktion auch daran erinnern, dass Politik uns alle angeht, wir nur gemeinsam etwas bewegen können und auch bewegen müssen, wenn wir nicht wollen, dass alle ökonomischen, ökologischen und sozialen Systeme zügig in die Grütze gefahren werden.

Danke für das Interview!

Offizielle Website der Bewegung:  www.occupyfdp.com
Twitter: twitter.com/OccupyFDP
Facebook: facebook.com/pages/OCCUPYFDP/309848535695049

Ein Gedanke zu “OccupyFDP: “Wir meinen das Ernst”

  1. Update:
    Christian ist leider nicht mehr mit an Bord, er hat das Schiff verlassen.
    Aber dafür hat der Mitgliederentscheid gezeigt, dass es nur rund 21.000 Leute braucht, um den Kurs der (Regierungs-)Partei zu bestimmen.